Pressebericht:
Main-Echo 12.11.2007

 

 
 

Falscher Gastwirt ruft Bürgermeister an

Umgestürzte Bäume und abgedeckte Dachziegel: Die Führungsstelle Großostheim übt den Katastrophenfall

Kreis Aschaffenburg. Roland Albert brüllt ins Telefon: »Was? Ihr wollt das Fest absagen? Aber ich habe Essen und Getränke eingekauft und eine Musikband kommt auch! Gib mir mal sofort den Bürgermeister!« Die ernste Miene weicht plötzlich aus seinem Gesicht. Seine Augen zwinkern und signalisieren: Hey, ist doch alles nur ein Spiel.

Roland Albert ist eigentlich Feuerwehrmann in Haibach, doch heute ist er Gastwirt, Arzt, Polizist, und vieles mehr. Auch sein Gesprächspartner am Telefon weiß, was gespielt wird: Eine Stabsrahmenübung der Feuerwehren im Landkreis Aschaffenburg, Abschnittführungsstelle 2/1, Großostheim.

Das Katastrophenszenario: In den Gemeinden Glattbach, Großostheim, Stockstadt, Mainaschaff und Haibach sind in Verbindung mit Orkanböen extreme Niederschläge gefallen. Dächer wurden abgedeckt, Keller stehen unter Wasser und Bäume sind umgekippt. Die Gemeinden üben die Koordination der Einsatzkräfte - und den Umgang mit aufgebrachten Bürgern.

Das alles ist aber nur ein großes Planspiel, Feuerwehrfahrzeuge und Polizei kommen nicht zum Einsatz. »So eine Übung ist schwierig, denn sie läuft nur in den Köpfen ab«, sagt Roland Albert. Er spielt gerade die Rolle eines Haibacher Gastwirts, der in Dörrmorsbach ein Fest ausrichten möchte. »Name und Straße müssen stimmen, sonst sagen die in der Gemeinde: den gibt es doch gar nicht«, weiß Albert.

150 Leute im Übungseinsatz

»Insgesamt sind heute 150 Leute beschäftigt«, sagt Andreas Emge, einer der Übungsleiter und Sprecher der Feuerwehr im Landkreis Aschaffenburg. Davon sind 31 Feuerwehrmänner und Gemeindemitarbeiter im Gartengeschoss des Landratsamts Aschaffenburg und planen die Übung. Fünf Tische, je einer pro Gemeinde. Dahinter Stellwände, an denen Karten der Gemeinde angebracht sind. Telefone klingeln ununterbrochen. Stimmengewirr. Irgendjemand brüllt: »Ruhe!«

Von hier aus wird das große Planspiel mit Einzelszenarien gefüttert. Und das geht so: Im Vorfeld wurden festgelegt, was bei einem Unwetter alles passieren könnte. Diese Situationen werden nun an die Gemeinden gegeben, die darauf reagieren und ihre Einsatzkräfte koordinieren müssen. Ein Beispiel: Roland Albert ruft als Polizist bei der Gemeinde Haibach an und teilt mit, dass die Fenster einer Sparkasse durch das Unwetter zerstört wurden. Die Feuerwehr soll ausrücken und die Fenster provisorisch verschließen.

Die Gemeinde muss nun reagieren und einen Einsatzwagen rausschicken. Der wird über Funk angerufen - auch das wird simuliert. Ist der Einsatz vorüber, meldet sich der Einsatzwagen in der Dienststelle und die Gemeinde gibt den Abschluss des Einsatzes an die Zentrale weiter.

Dominoeffekt erreichen

»Wir wollen mit den Gemeinden üben, wie sie sich in so einer Katastrophensituation verhalten müssen«, sagt Übungsleiter Andreas Emge. »Wir wollen einen Dominoeffekt erreichen und die Leute zum Nachdenken bewegen, was sie in einer derartigen Situation alles machen können.« Denn gerade in einem Flächenszenario, in dem mehrere Gemeinden betroffen sind, sei der gesamte Landkreis überfordert. Dann müsse organisiert und improvisiert werden. »Und das wollen wir schulen«, sagt Emge.

Am wichtigsten bei so einer Übung sei, dass keiner der Einsätze vergessen wird. der Überblick erhalten bleibt. Dabei kommt es besonders darauf an, dass alle Einsätze bei der Abschnittführungsstelle in Großostheim gemeldet werden. Dort wird dann ein Gesamtüberblick über die Situation geschaffen. »Das ist auch ein Ziel der Übung: Die Kommunikation und die Meldewege zu verbessern.«

Störtrupp im Rathaus

Aber nicht nur Koordination und Kommunikation sind wichtig. »Die Gemeinden müssen zusehen, dass sie ihre Rathäuser dicht machen.« Um das zu trainieren schickt die Übungsleitung Störtrupps los, die den Ablauf in den Rathäusern stören sollen. Die spielen dann Theater: In den Rollen zweier Nachbarn streiten sie sich. Ein Ziegel vom Dach des einen ist auf das Auto des anderen gefallen. Die Polizei kann nicht schlichten und die beiden Streithähne gehen ins Rathaus.

»Wir hatten ein paar Gemeinden, wo unser Störtrupp bis in das Büro des Bürgermeisters vorgedrungen ist. Das darf nicht passieren.« Denn im Ernstfall gehen dadurch wichtige Minuten verloren, um weitere Entscheidungen zu treffen.

Roland Albert, Feuerwehrmann aus Haibach, hat in seiner Rolle als Wirt mittlerweile den Haibacher Bürgermeister in der Leitung - den echten. Zwei Minuten später legt er den Hörer hin. »Ich darf das Fest im Bürgerhaus ausrichten«, freut er sich. Er freut sich aber nicht über das Fest, das es ja nicht gibt. Er freut sich über das Telefonat: »Der Bürgermeister hat gut reagiert.«
Tobias Klein

Anmerkung der FF Glattbach:
Innerhalb der Gemeinde Glattbach bildete, an dieser Stabsrahmenübung, die Feuerwehr Glattbach eine Gemeindliche Führungsstelle und die Gemeinde Glattbach den Stab für außergewöhnliche Ereignisse.